Die vierte Klasse - ein einziges Wettrennen

SZ 02.05.2006

Das Übertrittszeugnis nach der Grundschule hat für Kinder und Eltern einen extrem hohen Stellenwert

Von Anja Burkel, 
Süddeutsche Zeitung vom 2.Mai 2006

Der nette Vater, der auf dem Weg zur Grundschule einen schützenden Platz unter seinem Regenschirm anbietet, horcht bei diesem Thema auf.

Der nahende Übertritt: Oh ja, er treibt alle um. Seine Tochter besucht die vierte Klasse, und die Familie hofft doch sehr, dass sie es aufs Gymnasium schafft. Realschule wäre schon auch okay, aber Hauptschule? Lieber nicht daran denken und noch mehr lernen.

Die Grundschule An der Schäferwiese, die der Vater ansteuert, ist in kinderfreundlicher Architektur gehalten, mit bunten Elementen und viel Glas. In den ersten Maitagen gibt es auch hier Übertrittszeugnisse für die Viertklässler. Zwar sind sie erst zehn Jahre alt. Und doch, so scheint es den besorgten Eltern, entscheidet sich genau jetzt, ob ihre Kinder später einmal Anwalt werden oder Aushilfe im Supermarkt. "Die vierte Klasse", so muß die Lehrerin Gabriele Wagner-Schilling feststellen, "ist für viele Eltern ein einziges Wettrennen um gute Noten." Auf die Kinder übertrage sich der Druck: "Wann immer ich eine Probe herausgebe, brechen zwei oder drei in Tränen aus."

Die Stimmung ist repräsentativ für Münchner Grundschulen. Es ist Angst, die die Kinder umtreibt. Angst, es nicht aufs Gymnasium zu schaffen, und noch größere Angst, auf die Hauptschule zu kommen. "Die Hauptschule ist für viele Eltern einfach nicht mehr akzeptabel", stellt Schulleiterin Carolina Rösner fest. Im Fernsehen illustrieren fliegende Steine ihren Alltag, auf dem Arbeitsmarkt scheint man mit ihrem Abschluss chancenlos. Diese Zukunftsversion im Nacken, feilschen nicht wenige Eltern um jeden halben Notenpunkt.

In der dottergelben Schulzeitung, deren Titel ein kleines Schäfchen ziert, sind auch die Formalitäten des Übertritts aufgelistet. Dazu wünscht der Elternbeirat, der das dünne Heft herausgibt, allen Eltern und Kindern "viel Glück in den letzten Wochen bis zum Übertrittszeugnis und vor allem Besonnenheit, Vernunft und einen kühlen Kopf bei der Wahl der richtigen Schulart". Annemarie Wenninger, selbst Mutter und Mitglied im Elternbeirat, leitet die Redaktion. "Viele Kinder werden vor dem Übertritt mit Nachhilfe auf eine Note getrimmt, die mit ihrer tatsächlichen Lernfähigkeit nichts mehr zu tun hat", sagt sie, und: "Freizeit findet in einigen Familien ein halbes Jahr lang nicht mehr statt."

Ende der vierten Klasse, das merkt die Lehrerin Gabriele Wagner-Schilling, spalten sich die Klassengemeinschaften. Einerseits bilden sich unter den Gymnasiums-Anwärtern "gewisse Überheblichkeiten". Zwischen den zarten Bäumchen im Schulhof erzählt man von den Infoabenden der Gymnasien, von Schnuppertagen, und welche Eltern wo gesehen wurden.

Die Hauptschüler hingegen werden immer stiller. Für sie ist diese Situation "ein Riesenproblem", glaubt die Lehrerin: "Bei ihnen macht sich das Gefühl breit: Ich zähl zu den Losern." Erschwerend kommt hinzu, dass jedes Jahr nur eine recht kleine Gruppe von der Schäferwiesen-Grundschule an die Hauptschule wechselt. Während rund 65 Prozent aufs Gymnasium gehen und 20 an die Realschule, wechseln nur 15 Prozent zur Hauptschule. Dazu werden diese noch - je nach Sprengel - auf drei Hauptschulen in der näheren Umgebung verteilt. Währenddessen dürfen sich die Kinder mit besseren Noten ihr Gymnasium oder ihre Realschule quasi selbst aussuchen. Auch die Eltern der Hauptschulanwärter, merken Lehrerin und Rektorin, ziehen sich zurück, erscheinen nicht mehr zu den Elternabenden. "Weil sie die ewige Frage: Und auf welches Gymnasium geht Dein Kind? nicht mehr hören können", glaubt Schulleiterin Frau Rösner.

Auch für die Lehrerin ist die Situation schwierig. "Wir sind ja die, die die Auswahl treffen", sagt Gabriele Wagner-Schilling, "und auf diese Rolle werden wir reduziert." Lernfortschritte, die keine für den Übertritt relevanten Noten einbringen, zählen bei den Eltern von Viertklässlern plötzlich nicht mehr: Etwa die Tatsache, dass ein Kind seine Hefteinträge plötzlich zu strukturieren weiß oder sich von einer 5 auf eine 4 gesteigert hat. " Die Eltern sehen nur noch die Noten." Das mache die Zusammenarbeit schwierig. "Viele denken, mit Fleiß und Nachhilfe könnte jedes Kind jede beliebige Note erreichen. Aber das stimmt nicht." Um sich abzusichern - auch gegen Klagen - dokumentieren die Lehrer alles "bis aufs letzte i-Tüpfelchen". Bei Proben bittet Gabriele Wagner-Schilling stets andere Lehrer um ihre Meinung: "Alles muß 100- prozentig wasserdicht sein."

Dabei sei es mit dem Übertritt allein ja nicht getan, glaubt auch die Rektorin: "Danach wird es für die Kinder, die um jeden Preis auf den Übertritt getrimmt werden, erst richtig schwer." Das Problem wird sich noch verschärfen, glaubt Carolina Rösner - wegen der immer früheren Einschulung und den Anforderungen des G8. Rektorin, Mutter und Lehrerin sind sich einig: Die Entscheidung für eine Schulart findet viel zu früh statt. Vier Jahre Grundschule seien zu kurz, um seine Fähigkeiten zu entdecken.

Deshalb rät Rösner Eltern, das Kind zunächst auf eine seiner Leistungen angemessene Schulart zu schicken. "Für die Motivation der Kinder ist das besser, als an der Wunschschule der Eltern überfordert zu sein." Später könnten sie immer noch auf eine höhere Schulart wechseln. Dass man auch auf Umwegen zur Mittleren Reife oder zum Abitur komme, sei vielen Eltern nicht bewusst. "Selbst die M-Klassen der Hauptschule, die zur Mittleren Reife führen, werden als Blendung gesehen, um das Wort Hauptschule zu vermeiden", sagt Rösner, oder, wie wie Gabriele Wagner-Schilling sagt "als Mittlere Reife light".

Der Vater unterm Regenschirm hatte vorhin noch erzählt: "Unsere Tochter soll auf eine musische Schule - davon gibt es in München nur drei." Damit ist klar: Er meint natürlich Gymnasien.